Werdegang

Those who hear not the music think the dancer is mad.

– Unknown

1990 Ausbildung

Anfang der 1990er lernte ich Kommunikations- und Grafikdesign im Team von Boris Kochan, dem Gründer der Münchner Marken- und Design-Agentur Kochan & Partner. Wir hatten eine eigene Offset-Druckerei im Hinterhof. Ein Tiegel stand daneben. Die Schriftsetzer saßen vor Linotype-Fotosatzsystemen, im Atelier gab es Letraset, Leuchttische und Sprühkleber. Im Nebengebäude gab es eine „nasse“ Druckvorstufe („die Litho“), wo Bild und Text händisch montiert und auf Druckplatten belichtet wurden. Der Bleisatz in der Ecke hatte noch nicht viel Staub angesetzt.

Dort erlebte ich den Umbruch einer ganzen Industrie. Wir haben den ersten Trommelscanner angeschafft und den ersten Mac für DTP mit WYSIWYG bestellt und bestaunt. Aber nichts konnte den Blick des Druckers durch den Fadenzähler ersetzen.

Nichts verschwindet, alles verschiebt sich immer.

Mich interessierte immer, wie die Dinge zusammenspielen. Im Laufe der Jahre übernahm ich Projektmanagementaufgaben. Irgendwann entwickelten wir Anwendungen und Datenbanken zur Projektsteuerung und Verwaltung von Inhaltsdaten. Die Softwareentwicklung streckte ihre Fühler aus …

1995 Web

Mein erstes Modem bekam ich 1994 geschenkt. Und eine neue Welt ging auf, ohne etablierte Muster und Meister. Als das Web in Deutschland noch weitestgehend unbekannt war, habe ich bei Kochan & Partner 1995 peppermind mitgegründet – eine der ersten Digitalagenturen in Deutschland. Ich habe miterlebt, dass der HTML-Standard um Tabellen erweitert wurde – eine Revolution… Zwei Jahre später zog ich nach Hamburg, der damaligen Internet-Hochburg, um den deutschen Ableger der schwedischen Agentur Spray Interactive zu gründen. Durch eine Fusion wurde daraus die Razorfish AG, das ich ab 1999 als Vorstandsvorsitzender führte. Unser Motto: everything that can be digital, will be. Für Kunden wie Audi, Gruner+Jahr und Unicredit haben wir Disziplinen wie Informationsarchitektur und User Experience als Pioniere nach Deutschland geholt und etabliert. Wir hatten ein erfolgreiches, profitables Geschäftsmodell und eine einzigartige Firmenkultur geschaffen. Dann kam der Crash. Das Schwerste war nicht, dass die Bewertungen verfielen. Sondern die Gespräche mit all den Leuten, die ich über Jahre eingestellt hatte.

2001 Mobile

Bei Spray hatten wir uns bereits in den 90er Jahren intensiv mit mobilen Diensten und Technologien beschäftigt und in Kooperationen u.a. mit Nokia künftige Standards entwickelt. Ich war dabei, als das mobile Internet im Norden Europas laufen lernte und das Potenzial erahnbar wurde. Mein „Ausflug“ in die Industrie war folgerichtig: Aufbau und Leitung eines Think Tanks für Telefónica und Sonera (Quam), zur Zukunft der mobilen Kommunikation. Sechs Jahre vor dem iPhone. Wir entwickelten u.a. komplementäre WLAN-Hotspot-Konzepte zum erst im Aufbau befindlichen 3G-Netz. Landete in der Schublade. Und ich habe gelernt: Die richtigen Strategien sind wertlos, wenn sie nicht umgesetzt werden. Und dass ich zu jung war für Konzernpolitik.

2008 Design Thinking

Vier Jahre IDEO, als Geschäftsführer der deutschen Niederlassung und Associate Partner. Lernen von den Besten. Damals war Design Thinking noch kein leeres Versprechen auf Vorstandsfolien („wir stellen den Menschen in den Mittelpunkt“), sondern gelebte Designpraxis kleiner, hochspezialisierter, internationaler und multidisziplinärer Teams, die damit herausragende Ergebnisse erzielten. Die Bücher dazu sind schon von anderen geschrieben worden… Was ich bei IDEO lernen durfte, prägt bis heute mein Verständnis davon, welche Rolle Design in Unternehmen, aber auch in der Gesellschaft spielen kann – und sollte.

2012 Design Doing

Die technologischen Entwicklungen waren mir zu wichtig, um sie nur von außen in Strategien zu platzieren. Forschen und Prototypen entwickeln allein genügte mir nicht mehr – ich wollte zurück an die Stellen, an denen Produkte gebaut, gelauncht und betrieben werden. Die Wahrheit liegt in der Anwendung, nicht im Konzept. Da passte es gut, als mich Matthias Schrader fragte, ob ich das Münchner Büro von SinnerSchrader (heute Accenture Song) mitgründen und führen wollte. Gesagt, getan. Von null auf fünfzig wunderbare Menschen in drei Jahren. Allianz, BMW, O2. Großer Erfolg.

Aber ich wollte noch näher an die Entscheidungen und die Verantwortung für Produkt und Marke. Also 2015: drei Monate für Exaring – Entwicklung Name, Marke und das erste Produktdesign für waipu.tv. Heute Marktführer in Deutschland für IPTV mit über drei Millionen Kunden. Zeigt, welche Grundlagen man in einem Quartal legen kann.

2016 Machine Learning

Die Konzepte um Künstliche Intelligenz sind so alt wie die Computerwissenschaften, und seit Ende der 80er Jahre war auch ich davon fasziniert. Mitte der 2010er wurde mir klar, dass erstmals die Faktoren zusammenkamen, die aus akademischen und literarischen Ansätzen umsetzbare Möglichkeiten machen: die Verfügbarkeit relevanter zentraler und mobiler Rechenkapazität, enorme, stetig wachsende Datensammlungen gepaart mit gesunkenen Speicherkosten sowie die weltweite, schnelle Vernetzung aller Systemebenen.

Als dann Ramin Assadollahi, der Erfinder der Wortvorhersage und Gründer von ExB, auf mich zukam und mich bat, die User Experience für die Anwendung ihrer „Verstehmaschine“ aufzubauen, passte alles zusammen: direkt mit Menschen arbeiten, die mit wissenschaftlichem Hintergrund eine trainierbare Machine-Learning-Plattform entwickeln. Unser erstes Ziel war die Nutzbarmachung wissenschaftlich-medizinischer Texte in industriellem Maßstab. Und „nebenbei“ der Umbau eines zehn Jahre alten Start-ups vom Forschungslabor zur Produktfirma. Und: ich wollte verstehen, ob und wann die Maschinen die Herrschaft übernehmen. Nun, ich habe schnell begriffen: so bald noch nicht.

Philipp Schäfer steht gestikulierend am Rednerpult einer Konferenzbühne; hinter ihm füllt die Projektion eines alten hölzernen Schlegels die Bühnenwand, am Pult steht „Künstliche Intelligenz“.
ZEIT KONFERENZ „Künstliche Intelligenz“, Berlin 2017 – ein Vortrag über Machine Learning, fünf Jahre bevor das Thema unausweichlich wurde. Foto: Phil Dera

Schon damals waren Transformer-Architekturen (heute als LLMs bekannt) als eines der spannendsten Themen klar. Aber auch deren Limitierungen. Wir setzten uns mit Interfaces zum Nutzen, aber auch Annotieren auseinander, mit dem Problem der Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen der „black boxes“, mit Multimodalität. Viel gelernt, von Leuten, die ihr Fach verstehen. Das ist der Hintergrund, warum ich von Machine Learning rede und „KI“ in Anführungszeichen setze.

2026 Agentische Systeme

Inhalte, von Maschinen erzeugt, werden von Maschinen konsumiert. Software, die Software schreibt. Vieles ändert sich gerade radikal, noch mehr wird sich künftig ändern. Wir werden Blasen platzen sehen, KI-verursachte Katastrophen erleben, und Staaten, die sich mehr und mehr einmischen. Philosophische, gesellschaftliche und politische Fragestellungen enormer Tragweite sind nicht mehr theoretisch, sondern akut. Wieder früh, wieder unübersichtlich. Als ob wir nicht genügend andere Brandherde hätten. Und doch: auch so viele Möglichkeiten. Nichts verschwindet, alles verschiebt sich immer. Die Zukunft ist jetzt – mal wieder. Und wie immer ist sie unbekannt, bis man sie selbst erfindet.

Dreißig Jahre Exzellenz und Neugier · Firmen, Standorte und Marken erfolgreich mitaufgebaut und geführt · über 300 Menschen eingestellt · über 200 Projekte erfolgreich abgeschlossen · Gesundheit und Pharma, Telekommunikation, Finanzdienstleistung, Automobil, High-Tech, Medien, Reise, Beratung.

Heute

Seit 2022 bin ich selbstständig als freier Berater für Design und Technologie.

Mir geht es darum, Technologie menschlich zu machen – und Geschichten zu erzählen, die Bedeutung haben.

Als Führungskraft und Unternehmer habe ich multidisziplinäre Teams aufgebaut und geführt. Meine Aufgabe sah ich immer darin, Raum, Kultur, Methoden und Prozesse zu schaffen, in denen Teams ihr Bestes geben können.

Ich lebe in München. Drei Kinder, Musik-Enthusiast mit zu vielen Schallplatten (sagt meine Frau). Sideproject: vinylist.studio


Über die Jahrzehnte haben mir viele Menschen etwas anvertraut: eine Firma, ein Team, ein Produkt, eine Idee, manchmal ihre berufliche Zukunft. Und fast immer habe ich dabei mehr gelernt als gegeben.

Den Menschen, die ich einstellen konnte, den Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich arbeiten durfte, den Auftraggebern, die ein Risiko eingegangen sind:

Danke.